Eine Denkschrift an die Zeitungsverlage

Liebe Redakteure und Herausgeber

Es ist keineswegs so, dass ich guten Journalismus nicht schätzen würde, aber ich bin auch nicht bereit, Euch aus der Krise heraus zu helfen, indem ich für jeden Artikel, den ich lese, etwas bezahle. Ich meine nämlich, dass ihr euch selber in diese Situation gebracht habt.

Früher, also ganz früher, gab es nur Tageszeitung, Radio und Fernseh als Medium und diese Medien waren weitgehend unidirektional. Wenn man ein Auto kaufen oder eine Wohnung mieten wollte, hat man frühmorgens die Zeitung am Kiosk gekauft und ist zur nächsten Telefonzelle gelaufen, damit man der Erste ist, der anruft. Wenn man Zeit und Musse hatte, konnte man noch die Nachrichten lesen. Wer schnell frühstückte, konnte noch 10 Minuten lesen. Im Radio gab es auch Nachrichten und bei manchen Leuten lief das Radio den ganzen Tag, so dass man das Wichtigste sowieso irgendwo hörte. Und dann gab es noch die Tagesschau im Fernsehen. Und wenn die lief, durfte man auf keinen Fall bei jemandem anrufen oder - noch viel schlimmer - jemanden besuchen!

Sicher gab es viele Menschen, die eine Tageszeitung abonniert hatten. Das waren schon damals eher die Leute, die einen gediegenen Lebenswandel hatten, die morgens die Zeit hatten, um daheim zu frühstücken, die selten oder nie umgezogen sind, die auch ihr Leben lang die Arbeitsstelle nicht wechseln wollten und wer eine vierstellige Telefonnummer hatte, war sicher auch Abonnent einer Tageszeitung.

Ich selber war zu mobil, um eine Tageszeitung zu abonnieren. Als ich einmal ein Abo hatte, musste ich feststellen, dass die weitgehend ungelesenen Zeitungen nur einen Riesenpapierberg verursachten, den ich irgendwohin tragen musste und ich die News des Tages schon so oft im Radio gehört hatte, dass ich am Abend keine Lust mehr hatte, mir das Ganze nochmal durchzulesen. Als ich das Abo kündigte und dann feststellen musste, dass ich irgendeinen Termin verpasst hatte und nun monatelang nicht nur weiter zahlen musste, sondern auch noch weiterhin den Papierberg entsorgen musste, ist mir die Lust auf jegliche Abos so richtig vergangen.

Ja und dann das Format. So eine Tageszeitung hat, wenn man sie aufschlägt eine Spannweite von einen gefühlten Meter und man sitzt da mit ausgebreiteten Armen, immer bemüht, dass das ganze Paket nicht auseinanderfällt. Auf den Schreibtisch legen kann man sie nicht, weil da schon andere Sachen liegen oder tja, aber wer hat schon solche einen aufgeräumten Schreibtisch. Ich bin ja eher ein Genie und beherrsche das Chaos. Und seit zwanzig Jahren oder mehr steht da prominent und mittig das Notebook. Welchen Anreiz sollte ich wohl haben, mir solch ein unförmiges, knitteriges Medium vor meinem leuchtenden Monitor aufzuspannen und mich dann zu ärgern, dass die Schreibtischlampe die Zeitung nicht beleuchtet.

Und dann kam das Internet. Es war spannend, die gleichen Nachrichten aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt zu bekommen. Es war spannend, zu lesen, wie eine englische, französiche oder amerikanische Seite die gleiche Nachricht berichtet und welche Gedankengänge und Hintergründe dabei zutage kamen. Um die Vielfalt an Meinungen zu lesen, hätte ich ja zehn oder zwanzig Zeitungen abonnieren müssen und man stelle sich den Papierberg vor. Oder soll ich jetzt zwanzig Digitalabos zahlen? Ja wie reich bin ich denn?

Und mit dem Internet kam ebay und ricardo, autoscout und immoscout, chats und blogs und schliesslich social media. Da blieb sowieso keine Zeit mehr für Zeitung. Fernsehen habe ich schon lange nicht mehr, aber bezahlen muss ich trotzdem dafür. Immerhin darf ich mir ja jetzt auch die online-Angebote des Service Public anschauen. Das Kuriose ist, dass die journalistischen Angebote der Verlage und des Service Public jetzt gleichberechtigt nebeneinander stehen, nur weiss ich, dass die Angebote des Service Public immer eine Spur seichter sind, meinungsloser, weichgespült. Warum eigentlich bekommen die Verlage nicht einen Teil der Gebühren.

Ich denke, ihr Zeitungsverlage habt da so Einiges verschlafen. Erst nachdem andere Pioniere Plattformen mit Kleinanzeigen oder Auktionen oder Auto- und Immobilienseiten etabliert hatten, habt ihr sie dann für teures Geld aufgekauft, aber nur noch die kleinen abbekommen. Dass eure Anzeigenkunden mit dem Internet eine viel grössere Reichweite und ein viel genauer ausgewähltes Zielpublikum erreichen können als mit einer doch eher teuren Anzeige in einer Tageszeitung, die nach dem Giesskannenprinzip funktioniert, muss euch doch schon lange klar gewesen sein.

Und jetzt soll ein Leistungsschutzrecht eingeführt werden. Das finde ich das Allerhinterletzte. Nachdem ihr nun zwanzig Jahre verpennt habt und euch behäbig auf euren Geschäftsmodellen des letzten Jahrtausends ausgeruht habt, wollt ihr einen Teil des Kuchens von denen, die neue Formate erschaffen haben, sie mit Mühe, Rückschlägen, Risikobereitschaft und Innovation unters Volk begracht haben, die völlig neue Hardware erfunden haben, damit jeder inzwischen auch bidirektional kommunizieren kann und das Medium noch dazu bequem mit einer Hand halten und bedienen kann, anstatt mit ausgebreiteten Armen --- na ihr wisst schon..

Ihr müsst euch völlig neu erfinden. Das Gejammer, dass guter Journalismus Geld kostet, macht euch nur noch unbeliebter. Warum habt ihr nicht ein Format erfunden, wo man umfassend news findet. Warum habt ihr das google überlassen? Ihr hättet euch zusammentun können und eine gemeinsame Newsseite gründen können, auf der Inhalte aller, auch der konkurrierenden Verlage zu finden sind. Habt ihr aber nicht. Ihr habt Bezahlschranken errichtet. Sorry, da klicke ich dann weg und lese es woanders. Und die Zeitungen, die bei google nicht gelistet sind, die verliere ich langsam aber sicher aus dem Bewusstsein.