Lichtwelt

Vielleicht hat das jeder schon einmal erlebt: Ich war gerade so am Einschlafen, zwischen diesem Zustand des Träumens und des Noch-Nicht-Ganz-Eingeschlafenseins und hatte plötzlich dieses Gefühl, zu fallen. So etwas hatte ich schon manchmal erlebt und mich jedesmal ein wenig erschrocken. Und ich war wieder hellwach.

Ich legte eine Hand auf meine Brust und jetzt wunderte ich mich nur: Da waren keine Haare mehr! Ich begann meinen Körper abzutasten und jetzt erschrak ich doch: Er fühlte sich anders an. Ich schüttelte den Kopf, wie um mich aus einem Traum aufzuwecken, aber ich war wach. Und ich war ich selber. Als ich die Augen öffnete, war alles dunkel. So richtig tiefdunkel. Erst als ich mich aufsetzte wurde es über mir etwas heller. Die Decke über mir begann in einem sanften Licht zu leuchten. Ich befand mich in einem Zimmer, aber es war nicht mein Zimmer.

Ich schwang die Beine vom Bett, auf dem ich lag und das Leuchten der Decke wurde intensiver. Gleichzeitig wurde ein Teil der Wand ganz langsam wie durchsichtig. Ich konnte einen Garten im frühen Morgenlicht erkennen. Es fühlte sich alles vertraut an, aber es war nicht mein Zimmer und mein Garten, in dem ich eingeschlafen war. Die Wände waren aus Stein, aus Holz und aus Glas. Der Boden war aus fein geglättetem Holz in das einzelne Steinplatten eingelassen waren und die Decke bestand aus diesem leuchtenden Glas, das in einen Rahmen aus Holz eingefasst war. Die Holzwand gegenüber war in Segmente unterteilt und ich wusste, dass das der Kleiderschrank war. Neben dem Bett war ein armdicker Baumstamm in den Boden eingelassen, der sich verzweigte und über den Ästen hingen Kleider. Ich nahm die Hose und streifte sie über die Beine. Sie hatte keine Knöpfe, aber ich konnte zwei Dreiecke vor dem Bauch übereinanderschlagen und die Schnüre an deren Spitzen einmal um meinen Leib schlingen, sodass ich sie vorne wieder verknoten konnte. Die Jacke war aus einem weichen Stoff und hatte keine Verschluss.

Das Fenster in den Garten war nun völlig durchsichtig geworden und das Licht an der Decke verblasste immer mehr. Ich erhob mich und sah an Wand ein Paar Schuhe, die wie Hausschuhe aussahen und schlüpfte hinein. Sie fühlten sich robuster an, als ich vermutet hatte. Direkt vor mir war ein Segment in der Wand wie automatisch schob ich es beiseite und kam in einen Gang, auf dessen einer Wand ein Bücherregal vom Boden bis zur Decke mit Büchern gefüllt war. Doch sie lagen alle aufeinander und nur Stofffahnen, breit wie drei Finger und lang wie meine Hand, hingen heraus und waren wie bestickt mit dem Titel des Buches. Jeder Stoff hatte ein andere Farbe und das Bücherregal sah recht farbenfroh aus.

Seltsamerweise verstand ich die Titel der Bücher sofort, obwohl sie in einer Schrift geschrieben waren, die ich dort, wo ich eingeschafen war, nicht kannte. Da gab es Titel wie: lichtiges Bäumeleben oder Der sanfte Garten von Ardor, Blattfarbensammlung, Das glasige Vermächtnis des Isidor und Können wir noch schweben? Ich hörte Geräusche und am Ende des Ganges ging eine Schiebetüre auf und dann stand da Monika vor mir, meine Frau. «Na bist Du auch schon aufgestanden» sagte sie, aber sie sah viel jünger aus! «Ähm ja» sagte ich, «ich bin noch etwas verwirrt.»
«Hast Du wieder so ein komisches Zeugs geträumt wie vorgestern?» fragte sie und ich brummelte nur «Hmhhmmm»
Ich folgte ihr durch die Schiebetüre, durch die sie gekommen war.
Der Raum war nicht übermässig gross, aber die eine Hälfte der Wände bestand nur aus Glas und erlaubte den Blick in den Garten, sodass der Eindruck entstand, wir seien auf einer offenen Terrasse. Mitten im Raum «schwebte» ein Tisch – es war eine hölzerne Tischplatte, die an Seilen aus Glasfasern an der Decke aufgehängt war.
«Hast Du wieder von der Elektra-Welt geträumt?» fragte sie mich.
«Ja, ich glaube schon, da wo die leuchtenden Kugeln an der Decke hängen»
«Vielleicht kannst Du Dich ja noch an Einiges erinnern. Edi kommt ja gleich. Da können wir uns darüber austauschen.»

Edi war mein Freund, ich erinnerte mich auch, dass wir uns vor zwei Tagen über die andere Welt unterhalten hatten und wir hatten sie Elektra-Welt genannt. Wir wollten herausfinden was es mit dieser Elektra-Energie auf sich hatte, die man in dieser anderen Welt nutzen konnte.

Edi und ich hatten uns darauf spezialisiert, die anderen Welten neben unserer etwas zu erkunden. Durch einen überwachen Zustand kamen wir in eine Welt, die nur wenige Nanosekunden vor unserer existierte und durch Einschlafen kamen wir in die Welt gerade hinter uns. Um überwach zu werden, schliefen wir manchmal tagelang nicht, bis man dann plötzlich in die andere Welt fiel. Die Welt hinter uns war so krass urtümlich, dass wir sie eher wie eine Urlaubsreise besuchten. Dort war die Vegetation in einem völlig natürlichen Zustand und die wenigen Menschen lebten ein sehr einfaches und sehr zufriedenes Leben. Aber sie waren weise und haten uns erklärt, dass es noch viele Universen gab, die nur einen Moment voneinander entfernet waren und dass ihnen dieses eben am Besten gefiel.
Viel interessanter war die Welt vor uns, denn dort hatte man eine völlig andere Technik entdeckt. All das, was wir mit Licht machten, konnten sie mit Elektro machen. Das fanden wir sehr interessant. Wir hatten ja gedacht, dass man nur Licht und flüssiges Glas solch eine hohe Technologie entwickeln konnte, wie wir sie hatten, aber in der Welt vor uns hatten sie gerade mal entdeckt, dass man mit Licht Informationen übermitteln kann. Aber sie hatten irgendetwas anderes, mit dem sie geniale Sachen machen konnten und sie nannten es Strom.

Wir wussten nicht, was das sein konnte. Wir hatten versucht, Maschinen nachzubauen aus Holz und Glas, aber wir konnten nie irgendeinen Effekt feststellen, der das Licht verändert hätte. «Willst Du nicht mal etwas trinken?» fragte Monika.

Ich setzte mich auf die Bank, die vor dem Tisch schwebte und nahm eine Schluck. Da kam Edi.

«Na, Du warst ja wieder auf Reisen» begrüsste er mich und auf der Wand begann eine runde Scheibe zu leuchten und da lief ein Film, wie ich vorhin aufgestanden war. Aber aus meiner Perspektive, so als sei es durch meine Augen gefilmt.
«Du warst ganz schön benommen» meinte Edi. «Da musst Du ja richtig eingetaucht sein in die Elektra-Welt.»
«Ja weisst Du, ich glaube, ich bin hier und dort zuhause.» sagte ich. «Ich verstehe das, was wir dort machen.»
«Dieses mit dem Elektra basiert auf Metallen und die gibt es tief im Boden und wir Elektramenschen haben uns darauf spezialisiert, damit eine andere Energie zu nutzen, quasi ein anderes Licht.»
«Aber das mit den Metallen im Boden,» begann Edi, «da müsste man ja riesige Löcher in den Boden machen, und grosse Feuer. Das haben wir doch Letztens besprochen.»
«Ja,» sagte ich, «das haben wir da auch gemacht. Und so sieht es da auch aus.» «Grauenhaft» meinte Edi. «Ich bleibe lieber hier und arbeite mit Licht.»