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date: '2026-10-07'
description: 'Gärtnern bis zum Umfallen Von Wurzeln und dem Wasser im Boden Als ich letztens mit meinem Elektroauto durch den Aargau fuhr, musste ich einfach die Wälder fotografieren. Sonst sind ja die Bäume im Juli grün, aber dieses Jahr haben viele Bäume braune Blätter. Das ist aber keine “Herbstfärbung”, sond…'
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# Gärtnern bis zum Umfallen

### Von Wurzeln und dem Wasser im Boden

Als ich letztens mit meinem Elektroauto durch den Aargau fuhr, musste ich einfach die Wälder fotografieren. Sonst sind ja die Bäume im Juli grün, aber dieses Jahr haben viele Bäume braune Blätter.
Das ist aber keine “Herbstfärbung”, sondern die Auswirkung eines tiefgreifenden Problems.
Die Herbstfärbung der Blätter wird primär ausgelöst durch die kürzere Tageslänge. Im Juli hatten wir aber noch fast die längsten Tage im Jahr. Auch der zweite, verstärkende Faktor der Herbstfärbung, der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht, fehlte im Juli, waren die Nächte doch kaum kühler als die Tage. Der Baum holt ja im Herbst Stickstoff, Phosphor und Kalium aus den Blättern zurück und baut sogar das Chlorophyll wieder ab – der rote Farbstoff wird dabei extra als Sonnenschutzfaktor für diesen Prozess gebildet.

Das alles ist im Juli aber nicht passiert. Und das hat mich sehr beschäftigt, denn die braunen Blätter zeigen etwas ganz anderes:
Die Wälder im Aargau stehen eher auf grundwasserfernen Standorten, anders als die Auenwälder können sie mit ihren Wurzeln nicht das Grundwasser anzapfen. Die Wurzelspitzen brauchen einen zusammenhängenden Wasserfilm um die Bodenpartikel, um Wasser und damit Nährstoffe aufzunehmen. Das anhaltende Niederschlagsdefizit hat aber offensichtlich die Bodenfeuchte so erschöpft, dass der Bodenwassergehalt den Welkepunkt erreicht hat. Wenn die Wurzelspitzen kein Wasser mehr aufnehmen können, weil keines verfügbar ist, die Verdunstung an den Blättern aber weiterhin am Wasser in den Saftbahnen saugt, steigt die Spannung in der Wassersäule bis sie reisst: Es bilden sich Luftblasen, eine Kavitation, die betroffene Saftbahn ist damit embolisiert und für den Wassertransport verloren. Nun bekommen die Blätter, auch wenn sie die Blattporen schon verschlossen haben, kein Wasser mehr und sie vertrocknen schnell.

Für den Baum bedeutet das:

- Wurzelspitzen vertrocknen
- Saftbahnen verstopfen dauerhaft
- Nährstoffe bleiben in den Blättern
- Photosynthese stockt trotz Licht
- Zuckerreserven schrumpfen

Nun hat es ja im August wieder etwas geregnet. Die braunen Wiesen sind zaghaft ergrünt. Alles wieder gut?

Leider nicht. Die Gräser und krautigen Pflanzen mit ihren oberflächlichen Wurzeln haben zwar die Feuchtigkeit genutzt, um wieder Blattgrün zu produzieren, aber in tiefere Bodenschichten ist diese Feuchte noch nicht vorgedrungen. Dort herrscht immer noch Dürre.
Sogar die Hainbuchenhecke vor meinem Bürofenster hat dieses Jahr nach dem Heckenschnitt im Juli durch den Gärtner so gut wie keinen Austrieb gezeigt. Nur genau drei Pflanzen von diesen geschätzt über hundert Heckenpflanzen haben nach dem Schnitt einen Austrieb gezeigt und einige Triebspitzen sind wieder verdorrt. Offensichtlich haben die meisten schon ihre Reserven aufgebraucht – aber wie wird es ihnen im Frühling dann ergehen?
Falls es im Herbst und Winter wieder mehr Regen gibt, trifft der Regen auf einen ausgetrockneten Boden. Trockene Böden schrumpfen und reissen auf und die Oberflächen der Bodenpartikel werden zudem wasserabweisend. Durch die Risse schiesst das Regenwasser an der eigentlich wasserspeichernden Bodenschicht vorbei in die Tiefe, statt sie zu durchfeuchten oder es fliesst schon an der Oberfläche ab. Die Rheinschifffahrt wird es zwar freuen, wenn der Rhein wieder mehr Wasser führt, aber die Bäume leiden immer noch.

Schon nach den Dürreperioden 2018/19 und 2022/23 hat man beobachtet, wie sich Bäume in den Folgejahren verhalten. Den neuen Austrieb im Frühling bewältigen die Bäume nur aus den eingelagerten Reserven. Bis die neuen Blätter durch die Photosynthese wieder mehr Zucker produzieren können, als zu deren Aufbau verbraucht wurde, vergeht eine geraume Zeit. Aufeinander folgende Dürreereignisse ohne ausgiebige Erholungsphasen treffen auf bereits geschädigte und in ihrer Vitalität reduzierte Bäume.

Dabei haben manche Baumarten ein hydraulisches Sicherheitsventil entwickelt, indem die Saftbahnen der Blätter früher kavitieren als die im Stamm, denn Blätter kann ein Baum erneuern, verstopfte Saftbahnen im Stamm gehen an die Existenz. Stieleiche und Bergahorn schützen dadurch in einem gewissen Mass die Saftbahnen des Stammes und der Äste. Die Buche jedoch, der häufigste Laubbaum, hat dieses Sicherheitsventil nicht entwickelt, denn ihr Vorteil ist, durch den Schattenwurf ihres dichten Blätterdachs die Konkurrenz zu unterdrücken. Ihr evolutionärer Vorteil, das Blätterdach lange zu behalten, wird ihr zum Nachteil und so hat man insbesondere bei Buchen langfristige Schäden bis hin zum Absterben beobachtet.
Diese Schäden können über mehrere Jahre kumulieren und sind bei vorgeschädigten Bäumen intensiver.

Zwar wird Agroforst eher auf landwirtschaftlichen grundwassernahen Flächen betrieben, aber wenn das Grundwasserniveau weiter absinkt, können sich auch hier ähnliche Effekte zeigen. Das Klima wird sich weiter hin zu längeren Trockenperioden und öfteren Starkregenereignissen verschieben. Das wird den Wasserhaushalt der Böden grundlegend verändern. Die Wälder werden an Vitalität einbüssen und die Bestände werden lichter werden. Vielleicht sind strauchartige und krautige Pflanzen im Vorteil.
Ausser neue Waldstrategien zu erforschen, können wir im Moment nur zusehen, wie die Arten, die seit Jahrtausenden hier wuchsen, eine um die andere langsam verschwinden.

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