Bioanbau auf dem Prüfstand

Früher gab es mal ein paar Leute, die sich wohl dachten, dass die Landwirtschaft der Zukunft etwas anderes sein müsste, als nur dafür zu sorgen, dass kleine Tierchen die Pflanzen nicht anknabbern und im Boden genügend wasserlösliche Mineralien vorhanden sind. Zwar habe ich diese Leute nicht persönlich kennenlernen können, aber dennoch fühle ich mich mit ihnen auf eine seltsame Weise verbunden, besonders wenn ich versuche, das vielfältige Zusammenspiel von Erde und Sonne, Pflanzen und Tieren, Regen und Wind zu verstehen. Bemerkenswert ist ja, dass die Natur als Ganzes über Äonen ohne die Mithilfe von uns Menschen ausgekommen ist und dabei eine schier unüberschaubare Vielfalt hervorgebracht hat. Noch bemerkenswerter ist es wohl, dass diese Vielfalt sich als resilient erwiesen hat. Sogar nachdem grosse Steine vom Himmel gefallen sind, konnte sie sich soweit reorganisieren, dass wieder fruchtbare Böden und stabile Pflanzen- und Tiergesellschaften entstanden sind. Ob die Pioniere des Bioanbaus dieses Muster der Natur entschlüsselt haben, weiss ich nicht, aber ich bin mir recht sicher, dass sie auch eine tiefe Ergriffenheit gespürt hatten, wenn sie darüber nachdachten, was wir über die Zusammenhänge der Natur herausfinden könnten, wenn wir sie nur genug erforschen würden. Solche Leute, nach dem geheimnisvollen Muster der Natur suchend, haben vor über hundert Jahren begonnen, Höfe «biologisch» zu bewirtschaften. Es war natürlich eine Freude, als die entstandene Bio-Bewegung soweit anerkannt wurde, dass gewisse Grundsätze auf Papier gebracht und auch in Richtlinien und Gesetze festgeschrieben wurden. Nur leider konnte man diese tiefe Ergriffenheit und das Suchen nach dem Muster der Natur nicht in Gesetze fassen und man fand auch, es käme ja einer Gewissensprüfung gleich, wolle man von einem Biobauern so etwas einfordern. Noch grösser war die Freude, als auch Grossverteiler den Bioanbau wertzuschätzen begannen und Kunden bereit waren, dafür Geld auszugeben. Es ist eine Freude, zu sehen, dass immer mehr Betriebe auf Bio umstellen und auch Gelder fliessen, damit wir die Natur erforschen können. Wir erforschen nun, wie wir mit den Betriebsmitteln, die wir in den Richtlinien festgelegt haben, dafür sorgen können, dass kleine Tierchen die Pflanzen nicht anfressen und im Boden genügend Mineralstoffe zur Verfügung stehen, damit wir eine reiche Ernte einfahren können.

Was das das Ziel?

Nun ist am Wunsch nach einer reichen Ernte ja nichts Verwerfliches und es sind ja die gleichen Ziele, die die konventionelle Landwirtschaft angetrieben hat, neue Pflanzen»schutz»mittel zu entwickeln und Düngung und Züchtung zu perfektionieren. Ist also von der Idee des Bioanbaus nicht mehr geblieben, als dass wir ein anderes Sortiment von Pflanzenschutzmitteln verwenden und den Tieren im Stall etwas mehr als den unbedingt lebensnotwendigen Platz lassen?

Haben wir denn nicht bemerkt, dass jegliche Form von Tierhaltung, wie wir sie jetzt betreiben, eine Form von Ausbeutung ist? Dass wir das Muster der Natur völlig durcheinander bringen, wenn wir ein grosses Feld mit nur einer Kultur bepflanzen und mechanisch dafür sorgen, dass keine anderen Pflanzen dort wachsen? Dass auch wir von der globalen Ölindustrie abhängen, wenn wir mit Traktoren die Bioflächen bearbeiten?

An wen haben wir eigentlich die Visionen von einer besseren Welt verkauft? Oder haben wir sie nicht verkaufen müssen, weil wir sie nie hatten und die im Stillen gewonnen Erkenntnisse der Pioniere weder den Weg in unsere Richtlinien noch in unser Bewusstsein gefunden haben?

Wir stehen am Rand von globalen Krisen und wohl mit mindestens einem Bein schon mittendrin. Wir haben das Klima erwärmt, die Umwelt verschmutzt, fruchtbares Land unfruchtbar gemacht und dafür gesorgt, dass sich Krankheiten über die ganze Erde ausbreiten können. Viele Menschen haben zudem den emotionalen Zugang zu den Wundern der Natur verloren. Nahrungsmittel dienen in den reichen Ländern nicht vorrangig der Ernährung, sondern dem Genuss. Wir meinen, jederzeit geniessen zu dürfen, was wir wollen, weil wir ja mit «unserem» Geld dafür bezahlen.

Es mag sich nun jeder Bio-Landwirt fragen, ob er seinen Hof in gewohnter Weise weiterführen könnte, wenn sich ein Tanker im Suez-Kanal so sehr verkeilen würde, dass wir kein Öl mehr bekommen oder wenn die Stromversorgung zusammenbrechen würde oder wenn der Welthandel so ins Stocken geriete, dass keine Rohstoffe, Maschinen und Ersatzteile mehr geliefert würden. Resilienz beschreibt die Fähigkeit eines Systems, nach einer Störung aus sich selbst heraus wieder zum ursprünglichen Zustand zurück zu kehren. Über Resilienz zu reden, solange das System nicht gestört ist, ist müssig. Solange wir mit einem Anruf den Dieseltank wieder auffüllen lassen können, haben wir kein Problem. Erst wenn er leer bliebe, würde sich zeigen, ob auch wir Biolandwirte resilient sind. Können wir dann aus eigener Kraft weiterhin Nahrungsmittel produzieren? Haben wir noch Werkzeuge, die den Traktor ersetzen könnten oder wissen wir, wie man sie herstellt? Wenn Bioanbau eine ebensolche Resilienz aufwiese wie die Natur, dann müsste er aus solchen Krisen unbeschadet und selbstheilend hervorgehen.

Sicher sind meine Fragen für den einen oder anderen irritierend und Mancher wird ausrufen «So ein Gugus». Es ist ja auch nicht so, dass ich eine Störung unserer Systeme herbeiwünsche. Dennoch will ich diese Fragen stellen: Haben wir unumstössliche Werte, die uns zur Selbstheilung unter allen Umständen befähigen? Haben wir eine Vision von einem Bioanbau, der an der schieren Unzerstörbarkeit der Natur teilhat?