Die Biarritz Geschichte

Es geschah damals, als ich auf diesem Berg lebte, den man Tanaron nannte. Dort schlief ich in einem alten Backofen, kochte unter dessen Vordach, schaute den Wolken zu und war zufrieden.

Mein lieber Freund Roger, der in einer Erdhöhle wohnte, die er zu einer Kapitänskajüte ausgestaltet hatte, lud mich manchmal zu Vollmond zu einem Schluck Landwein ein. Er rationierte seinen Wein, aus Gründen, und sicherlich hätte ich ihn nicht um einen zweiten Schluck gebeten. Ein richtiger Alkoholiker weiss auch einen kleinen Schluck Wein dort oben in der Abgeschiedenheit zu würdigen, weil dieser all die Erinnerungen an durchzechte Nächte und Delirien hoffnungsvoll wieder aufblitzen lässt.

Alle paar Wochen machte ich mich auf den langen Weg den Berg hinab und das Tal hinunter nach Digne, eine Kleinstadt mit einem kleinen Marktplatz. Kleine Marktplätze haben durchaus ihre Vorzüge, weil ich auf grossen Marktplätzen mit meinen drei Gläsern Hagebuttenmarmelade und den vier Thymiansträussen, die ich auf einem Pappkarton präsentierte, sicherlich völlig ignoriert worden wäre. So aber konnte ich meine Kleinodien verkaufen und das erwirtschaftete Geld, ich hatte schon damals eine unternehmerische Ader, in die lebensnotwendigen Dinge wie sogenannte Hundenudeln, die einfach der zerbrochene Ausschuss von der normalen Nudelproduktion waren, und dem billigsten Tabak «Caporal Gris», sowie in Zucker zur Produktion von Hagebuttenkonfitüre investieren, um wieder für Wochen zufrieden den Wolken zuschauen zu können.

An einem dieser Markttage muss es wohl geschehen sein, dass ein zufriedener Kunde mir ein Conseil gab und ich den wahnwitzigen Gedanken hatte, meiner alten WG eine Postkarte zu schicken und so etwas wie «Hallo alte Kifferbande, ich lebe jetzt in Tanaron» zu schreiben. Ich muss euphorisch gewesen sein.

Gut, es wurde wieder Frühling und ich betrachtete die Wolken und sah, dass es gut war. Es wurde auch Sommer und ich ahnte nicht, was geschehen würde: Plötzlich, denn dort oben haben alle aussergewöhnliche Ereignisse die Eigenschaft «plötzlich», kam da ein Auto, also wirklich ein Fahrzeug mit eigenem Antrieb, den Berg hoch gefahren. Wir standen da, wie die Wilden im Amazonas und beobachteten das Schauspiel, wie da Leute aus diesen Auto ausstiegen.

Als sie näher kamen, glaubte ich einen von diesen Menschen zu erkennen und tatsächlich, es war dieser Typ, der nach meinem Weggang vor vielen Jahren in mein WG-Zimmer eingezogen war. Dabei war seine Freundin in spe, die sich offensichtlich noch wehrte, seine Freundin sein zu wollen und Betty.

Betty war die Freundin der Freundin und war mitgefahren, weil sie mal «was erleben» wollte. Ich erinnerte mich sehr schwach, sie schon mal gesehen zu haben, damals in dem anderen Leben. Betty war, ja wie soll ich sagen, sehr lieb zu mir. Nach weinigen Tagen und als sie gesehen hatte, wie ich dort oben auf dem Berg lebte, erzählte sie mir folgendes Gedicht:

Manchmal weint er wenn die Worte
still in seinem Munde stehn
doch er lernt an seinem Orte
schweigend mit sich umzugehn

und erfindet alte Dinge
halb aus Not und halb im Spiel
splittert Stein zur Messerklinge
schnürt die Axt an einen Stiel

kratzt mit einer Muschelkante
seinen Namen in die Wand
und der allzu oft genannte
wird ihm langsam unbekannt

Ich hatte damals das Gedicht noch niemals gehört gehabt, denn damals gab es noch kein Internet und was glaubt ihr denn, wie ich mich gefühlt habe? Ich hatte eine emotional wirklich evidente Anwandlung zu glauben, dass diese Frau mich und meine Lebensweise und all die Erkenntnisse, die ich in einsamen Neumondnächten hatte, wirklich versteht. Okay, Betty war blond und überaus hübsch.

Nach zwei Tagen machte sich der ganze Trupp wieder auf den Weg, um «im Meer zu baden», weil sie hatten ja Urlaub. Dann sass ich wieder alleine auf dem Berg.

Ich weiss nicht, welcher Teufel mich geritten hat, aber zwei Tage später hatte ich meinen Rucksack gepackt. Er bestand aus einem alten weissen Mehlsack, in den unteren Zipfeln waren kleine Steine, um die ein Seil geschlungen war, das ich mit dem Seil, das oben um den Mehlsack verknotet war, mit meinem Opinel-Messer zusammenstecken konnte. Ach, fragt nicht, es war so einfach, dass man es nicht erklären kann. Einmal, als ich so eine damals noch Nicht-EU Grenze überschritt, hat der Zöllner das Opinel heraus gezogen und der Rucksack fiel auf den Boden. Der Zöllner war erstaunt...

Also ich hatte meinen «Rucksack» und ging ins Tal und trampte dann Richtung Mittelmeer. Ich bin dann den ganzen Strand von St. Marie de la Mer abgelaufen und habe alle Leute gefragt, ob sie ein schönes blondes Mädchen gesehen haben. Hatten sie aber nicht. Auch in Sete nicht. Und irgendwann dachte ich mir: vielleicht wollten sie ja an den Atlantik!

Also ich Daumen raus und irgendwie an die Atlantikküste getrampt. So kam ich dann in Biarritz an. Am ersten Abend habe ich den Sonnenuntergang gemalt, denn in Biarritz geht die Sonne über dem Meer unter. Das hat man nie am Mittelmeer. Und we ich so da sass auf einer Mauer über dem Strand, dachte ich an Betty und dass ich sie wohl nie wieder treffen würde und habe etwas geweint.

Just als mir die Tränen rollten, spricht mich ein recht tougher Mann an und fragt, ob ich Probleme hätte. Ich natürlich, vor wenigen Tagen in der Stille der Berge, antworte ihm wahrheitsgemäss, dass ich Betty suche. Er war Polizist. In Zivil. Jetzt kannte er mich. Ich kannte ihn jetzt auch. Er verstand meine Situation und wünschte mir Glück.

Irgendwo schlief ich mit dem Geräusch der Antlantikwellen ein. Am nächsten Morgen, noch etwas verschlafen, trieb ich mich an der Promenade von Biarritz herum, als ein deutscher Tourist einen Kellner etwas fragen wollte und ich, hilfsbereit wie ich bin, meine Dienste als Übersetzer anbot. Der Tourist lud mich aus Dankbarkeit zu einem Kaffe ein und so sass ich im nobelsten Cafe auf der Promenade von Biarritz bei meinem Cafe au lait, als Betty und die zwei anderen die Stasse herunter kamen und ich sagte: «Hallo Betty»

Nach kurzem Judihui zeigte sich, dass die Drei vollkommen zerstritten waren über die Art, wie Ferien zu verbringen seien und mein Angebot an Betty, dass ich mit ihr die ganze Welt bereisen würde, fand bei ihr Anklang, jedoch nicht bei ihren Mitreisenden, worauf sie ihre Sachen aus dem Auto holte und verkündete: Fickt Euch ihr A****er, ich mach jetzt mit dem Peter ne Weltreise. Bedingung war, dass sie zum Schulanfang wieder zurück sei.

Seitdem glaube ich an Magie.